Anno dazumal, kurz vor Weihnachten auf den Strassen Wiens.
(Wenn möglich, auch den zweiten Absatz lesen.)

Damals in den Fünfzigern und Sechzigern gab es in Wien noch viele Straßenkreuzungen ohne Ampelregelung. Dies übernahmen Verkehrspolizisten von der Mitte der Kreuzung aus. Heute wäre dies bezüglich Gefährlichkeit wahrscheinlich mit der Arbeit beim Entminungsdienst vergleichbar! Schon vorhandene Verkehrsampeln auf den stark frequentierten Kreuzungen wurden händisch von einem auf dem Gehsteig befindlichen Kasten aus geschaltet. Aber egal, wo die Polizisten auch standen, im Winter bei Minusgraden, Wind und Schnee bestimmt keine sehr angenehme Tätigkeit. Wie überall im Leben gab es auch unter den "Weißkapplern" beliebte und weniger beliebte. Aber bei allen bedankten sich kurz vor Weihnachten viele Autofahrer mit kleinen Geschenken. Die beliebteren von ihnen bekamen oft so viele Geschenke, dass sie von aufgestapelten Weihnachtsgeschenken umgeben waren! Kann sich jemand heute noch vorstellen, dass Polizisten von Verkehrsteilnehmern beschenkt werden? Zugegeben, es gab damals noch nicht so viele Fahrzeuge auf den Straßen, aber jedenfalls war das Verhältnis zwischen Polizisten und "Normal-Bürgern" anders als heute, es war einfach persönlicher und man war nicht Gegner, sondern es war eine Art von Partnerschaft.  

Als Beispiel eine Begebenheit, die mich noch heute berührt! Die Kreuzung Wiener Westbahnhof am Gürtel und Mariahilferstraße kennen vielleicht auch manche Nichtwiener? Dort saß der Polizist auf einem ca. 5-6m hohen Turm in einem kleinen Glaskobel und regelte von dort aus den Verkehr. Eine alte Frau wollte die Kreuzung bei grün überqueren, schaffte dies aber einfach nicht. Ihre Füße bewegten sich nur zitternd und sie kam praktisch nicht von der Stelle. Und was machte der Polizist? Er schaltete alle Ampeln auf gelb, kletterte rasch über die Leiter von seinem Turm herunter, nahm die alte Frau auf die Arme und trug sie über die Strasse. Dann kletterte er wieder auf seinen Turm und machte dort weiter, wo er aufgehört hatte! Niemandem war das Gleiche eingefallen wie ihm, auch mir nicht! Aber als kleine Anerkennung hupten die Autofahrer, hielten die Hand mit dem nach oben zeigenden Daumen aus dem Fenster und die Fußgänger applaudierten. Dieses Ereignis fand zwar nicht im Winter statt, aber zu Weihnachten hatten es Viele noch nicht vergessen!

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