Ausländer gestern und heute. 

Schon seit längerem grüble ich über eine Sache nach und begebe mich zu diesem Zweck in Gedanken zurück in die 50-er und 60-er Jahre.

Meine Eltern und ich wohnten in Wien im sogenannten "Ärzte- und Studentenviertel". Es war dies der Grenzbereich 8.Bezirk (Josefstadt) und 9. Bezirk (Alsergrund). Bedingt durch die Nähe des Allgemeinen Krankenhaus wohnten dort viele Beschäftigte des Krankenhauses und auch viele Ärzte hatten in der Nähe ihre Praxis. Auch die Wiener Universität war nicht weit entfernt und daher hatten sich hier auch Studenten aus aller Herren Länder angesiedelt. Je nach den Finanzen der Eltern wohnten sie im Studentenheim, oder in relativ teuren Untermietzimmern.
Die dritte Gruppe schließlich, das waren gutsituierte Patienten, die sich der weltberühmten Wiener Medizin anvertraut hatten und die nicht nur während der Behandlung hier wohnten, sondern auch anschließend oft noch Jahre hier blieben. Ein Großteil davon stammte aus dem arabischen Raum. Sie lebten in Pensionen, oder mieteten sich eigene Wohnungen. Mit einem Wort, es gab hier wirklich viele „Ausländer“.
 

Jetzt kommt das, was mir so zu denken gibt!

Ich kann mich nicht erinnern, zu dieser Zeit jemals das Wort „Ausländer“ gehört zu haben. Sie wurden nach ihrer Nationalität benannt. Es waren also Italiener, Türken, Bulgaren, Griechen, Araber usw. Der Sammelbegriff Araber war darauf zurück zu führen, dass sie aus den unterschiedlichsten Ländern kamen und für uns auch sprachlich nicht zu unterscheiden waren. In den zahlreichen Lokalitäten lernte man sich kennen und echte Freundschaften wurden geschlossen. Zu meinen Freunden aus arabischen Ländern zählten unter anderem Ägypter, Saudis, Libanesen, Perser (heute Iran) und Iraker. Aber nicht nur Studenten, auch etwas ältere Semester waren darunter. Man lud sich gegenseitig zu Partys in Lokale ein, oder wenn vorhanden, in die eigenen Wohnung. Die Kochkünste eines libanesischen Studenten sind mir noch heute in guter Erinnerung. Ebenso wie ein Technik-Student aus Kuwait, der mit mir mein kaputtes Auto ca. drei Kilometer weit bis zu sich nach Hause geschoben hatte und dort im Hof die Kupplung repariert hatte. Er nahm keinen Schilling dafür und wurde fast böse, weil ich dies nicht annehmen wollte! Oder ein älterer, nicht ganz armer Geschäftsmann aus Bagdad, der meine spätere Frau und mich ins Herz geschlossen hatte und der meine Fahrkünste denen eines Taxifahrers vorzog. Er meinte, ich fahre Auto wie ein Flugzeugpilot, aber er fühle sich sicher und es gefiel ihm, von mir herum "pilotiert" zu werden. Dann waren da noch Hassan und Hussein, Zwillingsbrüder aus Kairo die sich wirklich wie ein Ei dem anderen glichen und dies für jede Menge Schabernack nutzten. Oder ein Student aus Griechenland, der mir lieb und wert war, solange es nicht ums Billardspielen ging, weil er mich immer besiegte und es mir auf Dauer zu teuer kam. Jetzt hätte ich fast Ali, einen Türken vergessen, der sich sein Technikstudium als Maschinist auf einem Donaudampfer verdiente und der jahrelang an der Erfindung eines neuen Motors arbeitete, von dem er sich Berühmtheit und Reichtum erhoffte. Als er praktisch fertig war und nur mehr die Anmeldung zum Patent fehlte, war ihm jedoch ein Mann namens Wankel zuvor gekommen. Wankel, so wie "Wankelmotor"! Ali war am Boden zerstört und war tagelang nur mehr betrunken. Meine eigentlich durchwegs netten Erlebnisse mit „Ausländern“ würden einige Seiten füllen.
Der einzige Punkt, wo es fallweise kleine Probleme geben konnte, das waren die Mädchen und hier gab es auch manchmal das Wort „Kameltreiber“ für den Konkurrenten, wenn es sich um einen Araber handelte. Aber dies waren meist „Besucher“ aus anderen Bezirken und es war auch nicht als echte Beleidigung gedacht.

Nun das, worüber ich mir nicht ganz im Klaren bin!

Es waren zwar Ausländer, sie wurden aber nie als solche bezeichnet und noch weniger als solche behandelt. Man betrachtete sie als Gäste und wir freuten uns und es machte uns stolz, dass sie sich bei uns wohl fühlten und es gab sogar Trennungsschmerz, wenn die gewonnen Freunde wieder in ihrer Heimat zurück mussten.
Woran liegt es, dass das Wort Ausländer heute so einen negativen Anstrich bekommen hat? Liegt es an uns, liegt es an der mangelnden Bereitschaft der heutigen Ausländer sich anzupassen, oder liegt es am ständig zunehmenden Anteil an der Gesamtbevölkerung und der daraus entstandenen Angst vor der Konkurrenz am Arbeitsmarkt? Vielleicht sind es aber auch die zwielichtigen Gesellen, die es sich auf Kosten Anderer gut gehen lassen oder sich bereichern möchten und damit auch die redlichen Zuwanderer in Misskredit bringen? Ich denke, es ist wahrscheinlich von allem ein wenig. Ich jedenfalls erinnere mich wirklich gerne und mit leiser Wehmut meiner ausländischen Freunde der 60-iger Jahre und oft denke ich mir, was wohl aus ihnen geworden sein mag.

Nun noch eine rein persönliche Anmerkung, die hoffentlich niemand als Widerspruch zu den obigen Zeilen betrachtet.
Es geht um jene Volksvertreter welche vehement die Rechte der heutigen Ausländer, ihre Gleichstellung und ihre Integration ganz groß und noch größer auf ihre Fahnen geschrieben haben und all jene als fremdenfeindlich und rassistisch verteufeln, die bezüglich weiterer Zuwanderung zur Vorsicht mahnen. Sie tun es bestimmt nicht, weil sie etwa so wie ich im Wiener Ärzteviertel aufgewachsen sind, oder aus edlen und uneigennützigen Motiven! Sie tun es hauptsächlich wegen der Wählerstimmen und davon kann man nie genug haben!