MEINE FRAU UND DER COMPUTER
so war es anno 1984

Zur Einleitung: Man kann Menschen und ihre Einstellung zum Computer in folgende Gruppen teilen.

1. Die meist aus Jugendlichen bestehende Gruppe, die den Computer als wehrlosen und jederzeit zur Verfügung stehenden Spielgefährten verwendet.

2. Die aus dieser Gruppe sich entwickelnde Elite, die tiefer in die Materie der Bits und Bytes eindringt und somit das Reservoir für spätere Hacker oder vielleicht auch Programmierer bildet.

3. Diejenigen, die beruflich ständig vor dem Computer sitzen. Leicht zu erkennen an ihrer Unsicherheit, wenn sie es mit Menschen zu tun haben.

4. Die Gruppe von Anwendern, die über den beruflichen Kontakt mit dem Computer Gefallen daran gefunden hat und sich mit ihm ein Stück der geliebten Büroatmosphäre auch in die eigenen vier Wände holt.

5. Jene aus obigen Gruppen entstehenden Computerfreaks, die -falls verehelicht- eher in eine Scheidung einwilligen, als auf ihr Hobby zu verzichten.

6. Die gottlob immer größer werdende Gruppe von Menschen, die den Computer als das betrachtet, was er wirklich ist: Ein zweckdienlicher Gebrauchsgegenstand wie Glotzophon, Massage-Aparat oder Bin-nicht-da-Beantworter.

7. Die Gruppe, die ihn aus Prinzip ablehnt, weil er beispielsweise daran schuld ist, dass man Mahnungen über längst bezahlte Rechnungen bekommt. Leicht zu bekehren mit irrtümlichen Gutschriften.

8. Der ebenfalls immer kleiner werdende Anteil von Leuten, die nach außen hin lautstark den Computer verteufeln, sich aber in Wirklichkeit von diesem fast magisch angezogen fühlen. Die verlässlichste Käuferschicht von morgen.

9. ZU GUTER LETZT MEINE FRAU

Der Punkt 9 der sich im Augenblick nur auf eine einzelne Person bezieht, dürfte eigentlich nicht als Gruppe aufscheinen, aber möglicherweise können auch andere Leser männlichen Geschlechtes ihre Angetraute diesem Punkt zuordnen und als bescheidener Mensch wäre ich gerne bereit, schon nur drei Damen mit den gleichen Merkmalen als Gruppe anzuerkennen.

Doch nun zu meiner Gattin. Ihr Mann ist in der Computerbranche tätig. Wäre er in der Autobranche, könnte man ihn als Tankwart bezeichnen. Da aber Computer im Gegensatz zu Autos nicht mit Benzin betrieben werden, lautet seine Berufsbezeichnung Software-Verkäufer. Und ein Verkäufer der entweder gewissenhaft oder zumindest feige ist, sollte die Ware die er verkauft auch selbst vorher testen um nicht beim nächsten Besuch seiner Kunden mit kräftigen Worten oder Taten empfangen zu werden. Und hauptsächlich zu diesem Zweck, aber auch für kleine Serviceleistungen habe auch ich einen PC zu Hause stehen.

Ich erinnere mich noch sehr genau, als ich ohne vorherige Ankündigung mit meinem "Kompatiblen" zu Hause ankam, ihn seiner umfangreichen Verpackung entledigte, dann ungefähr 1/2 Kubikmeter Papiere von meinem Schreibtisch entfernte und vorübergehend auf dem Speisezimmer-Tisch aufstapelte um den nötigen Platz für den Computer zu schaffen. Dass einer dieser Stapel ins Gleiten kam und dabei den Inhalt der halbvollen Kaffeetasse meiner Frau in ihren Schoß kippte, war ausgesprochenes Pech. Der unangekündigte Kauf des Computers hatte ihren Stimmungsbarometer ohnedies zum Sinken gebracht und der verschüttetet Kaffee ließ diesen, natürlich den Barometer, um einige weitere Teilstriche hinabgleiten. Als dann meine Frau die Waschmaschine früher und ich meinen Computer später als beabsichtigt in Betrieb genommen hatte, überlegte ich mit welchem Programm ich sie von der Notwendigkeit des Computerkaufes und auch von den Vorzügen desselben überzeugen könnte. Ich versuchte es zuerst einmal mit meiner Textverarbeitung. Schreiben, einfügen, löschen, Blöcke verschieben, kopieren. "Aha, sehr schön." Das war alles, was sie hören ließ und wollte sich wieder zu ihrer Strickarbeit begeben. "Warte, ich möchte Dir noch was zeigen." Ich war sicher, dass ich sie mit dem Suchen und sofortigen Austauschen von Zeichen in meinem Text aus der Reserve locken würde. "Aha, sehr schön," lautete abermals Ihre Reaktion darauf. Leicht vergrämt entließ ich sie vorübergehend mit der Ankündigung, ihr etwas später den Drucker vorzuführen. Nach einer guten halben Stunde hatte ich den "Mister Matrix" endlich so weit, dass er die Zeichen zu Papier brachte, die ich von ihm erwartete. Während dieser Zeit der Versuchsausdrucke bemerkte ich schon aus den Augenwinkeln ihr steigendes Interesse. Ich deutete zumindest zu diesem Zeitpunkt ihre Blicke in meine Richtung noch als Interesse. Ich führte ihr nun mit Stolz die 120 Zeichen pro Sekunde vor und welch Fortschritt! Ihre Antwort bestand diesmal immerhin schon aus zwei Sätzen. "Aha, sehr schön. Aber ist dieses Zeug immer so laut?" Ich war nun schon etwas sauer, aber allzu leicht gab ich nicht auf. Wenn Sie schon das bisher Gezeigte nicht sonderlich berührte, dann musste ich schwerere Geschütze auffahren lassen. Grafik! Ich zeichnete Quadrate, Dreiecke, Kreise, füllte diese mit den verschiedensten Mustern, zog Linien über den Bildschirm usw. "Aha, sehr schön." Menschen, die so wie ich jahrelang im Verkauf tätig sind, bekommen zwangsweise das was man im allgemeinen als "dicke Haut" bezeichnet. Aber trotzdem war ich jetzt d'rauf und d'ran, aus dieser herauszufahren. Ich kam jedoch von diesem Vorhaben wieder ab, begab mich in die Küche, nahm das Medikament das mir der Hausarzt wegen meines nervösen Magens verschrieben hatte, atmete einige Male ganz tief ein und aus und ging anschließend ins Schlafzimmer. Ich hielt mir den Kopfpolster vor den Mund und brüllte hinein. Trotz des schalldämmenden Daunenbehälters dürfte etwas an das Ohr meiner Gattin gedrungen sein, denn sie öffnete besorgt die Tür und fragte beunruhigt: "Hast Du was. Ist Dir schlecht?" "Nein, nein. Alles OK," beruhigte ich sie und versuchte meine Mimik unter Kontrolle zu halten. Verdammt, war ich wütend! Aber ich musste mich eben damit abfinden, dass ihr Interesse an meinem Computer ebenso groß war wie das meine an ihrer Handarbeit. Am nächsten Tag baute ich noch einen Schalter ein, mit dessen Hilfe ich das von meiner Frau als nervtötend bezeichnete "Piep" des Computers abschalten konnte und gewöhnte mir zusätzlich auch noch an, jeweils vor der Inbetriebnahme des Druckers diesen mit dem gesamten Bestand an Kopfpolstern rundum abzuschirmen.

Und seit diesem ersten Kontakt meiner Frau mit dem Computer hatte er für sie einfach nicht mehr existiert. Meines Wissens hatte sie ihn seit damals weder eines Blickes gewürdigt, noch berührt. Auch nicht mit dem Staubtuch.

Seit damals sind schon etliche Jahre vergangen und meine damalige Gattin ist inzwischen zur Ex geworden, die mich aber des öfters auf ein paar Tage besuchen kommt. Inzwischen habe ich Internet und sogar, man höre und staune, eine eigene Homepage. Ich hab´ ihr beides vorgeführt und auch die Möglichkeiten der Suchmaschinen. Nichts hat sich seit damals geändert! "Aha sehr schön, aber für mich wär´ das nichts. Wozu brauch ich einen Computer? Es gibt doch Zeitungen, Bücher, Lexika und Fernsehen."

SCHLUSS, AUS, PUNKTUM UND ENDE


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