Juden in Wien, wie ich sie kennen gelernt habe.
Oder "leben und leben lassen". 

Ich hatte während meiner Jugendzeit in Wien viele Araber kennen gelernt und über gemeinsame Erlebnisse kann man unter meinem Beitrag "Ausländer" etwas lesen. Durch meinen Beruf lernte ich später auch viele Juden kennen und ich hatte sie als sehr umgängliche Menschen kennen gelernt. Ich mochte auch ihren Humor, solange er nicht zu "schwarz" und mitunter auch hart an der Grenze zur Beleidigung war!

Ich war damals Geschäftsführer in einem Kleiderhaus und meine Lieferanten waren zum Grossteil Juden. Entweder Großhändler oder Erzeuger. Einer meiner früheren Kollegen war jahrelang bei Juden beschäftigt und er konnte "jiddeln", dass es eine wahre Freude war! Ich war ein gelehriger Schüler gewesen und das konnte ich jetzt sehr gut verwenden! Meine jüdischen Geschäftsfreunde zerkugelten sich förmlich, wenn ich mich mit ihnen auf Pseudojiddisch unterhielt und nicht nur einmal kam es vor, dass der Chef seine Angestellten holte, wenn ich ankam. "Kinder kommt´s , der ....... ist da, da gibt´s wieder a Theater." Jedenfalls waren meine Einkaufs-Touren meist eine lustige Sache! Es waren auch, bis auf ganz wenige Ausnahmen, durchwegs nette und faire Geschäftspartner. Ich hatte mein Leben lang ein Grundprinzip, das ich immer als Leitfaden sah: "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück." Bei den Juden, die ich kennen gelernt hatte, gab es auch zwei Grundregeln: "A Hand wascht die Andere", (hilfst du mir, helfe ich auch dir) und "leben und leben lassen" (wenn es mir durch deine Hilfe gut geht, sollst du auch was davon haben.) Auf das Geschäftliche bezogen bedeutete dies, dass ich nach dem üblichen und einfach dazu gehörenden "handeln" immer einen guten Preis bekam. Weil ich ein guter Kunde war und vielleicht spielte auch Sympathie eine kleine Rolle! 

Einen meiner jüdischen Geschäftsfreunde traf ich einmal in einem Lokal, das ich mit meiner Frau besucht hatte und bei meinem nächsten Einkauf meinte er: "A hibsche Frau hast Du! Da hast a schene Schoß für sie und lass sie schen grießen von mir." Als ich das Geschenk nicht annehmen wollte, sagte er etwas woran ich noch heute, oder gerade heute, wieder denken muss! "Weißt, wir Juden haben da an Spruch: 
Wenn ma dir was gibt, dann nimm, wenn ma dir was nimmt, dann schrei!" Ob man diesen Spruch auch in Israel kennt? 

Einige Jahre später, ich war schon in einer anderen Branche, hatte ich einen jüdischen Chef und auch mit ihm und seiner Familie verstand ich mich bestens. Sie kamen aus Israel und da hörte ich das erste Mal von direkt betroffenen etwas mehr über den Konflikt Araber kontra Israelis. Seine Frau erzählte mir unter anderem auch von der Angst vor palästinensischen Angriffen und ihr Unverständnis für diesen gegenseitigen Hass. Ihre Familie hatte auch Freunde unter den Palästinensern und bei diesen war es ebenso. Auch sie fürchteten sich. Nur umgekehrt, sie hatten Angst vor radikalen und gewalttätigen Israelis. Dies muss jetzt schon vor rund 50 Jahren gewesen sein und seit damals hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, es wurde noch um vieles ärger! Und wieder einmal zeigt sich, dass das der einzelne Mensch, der ohne weiteres mit seinem Nachbarn in Frieden leben könnte und dies auch möchte, keine Chance dazu hat wenn jene die an der Macht sind und ihre Sinnesgenossen es nicht wollen und weiterhin Hass predigen!  
 
Und ich frage mich immer öfter, warum sich die europäischen Juden nicht auch etwas mehr zu Wort melden und sich für den Frieden dort einsetzen! Eine der ganz wenigen Ausnahmen von denen ich weiß, ist beispielsweise
"Timna Brauer" mit ihrer Musikgruppe "Voices for peace" bestehend aus Christen, Juden und Palästinensern. Sie singen und musizieren für den Frieden! Auf ihrer Homepage sehr interessant sind die "Interviews" und ihre "Israelisch-palästinensischen Erfahrungen". Aber solche Friedensaktivitäten sind eben nur wie einer der berühmten Tropfen auf den heißen Stein!!

Nachtrag, etwa 2 Jahre später:
Die Stadt Wien hatte Auslandsjuden, die in Wien gelebt hatten und in der Nazizeit vertrieben wurden oder das KZ überlebt hatten, zu einem Besuch eingeladen und viele waren gekommen und hatten zum Teil auch ihre Kinder und Enkel mitgebracht. Der Bericht darüber im Fernsehen hat mich mehr als nur beeindruckt! Die Erinnerungen dieser alten Menschen an die Stätten wo sie damals gelebt hatten und wie sie darüber sprachen, das war für mich einfach überwältigend.
Da war nichts mehr von Hass zu spüren und wenn alle Menschen so wären wie diese Leute, obwohl sie bestimmt nicht vergessen haben was man ihnen angetan hat, ich denke das wäre die beste Voraussetzung für eine friedlichere Welt!

30.01.2005
Ephraim Kishon, ebenfalls ein Holocaustüberlebender, ist tot. Er starb im 81.Lebensjahr. Er wurde von Vielen (auch von mir) nicht nur alleine wegen seiner satirischen und humorvollen Geschichten geschätzt. Er gehörte auch zu Jenen, welche die Kollektivschuld ("Sippenhaftung") ablehnten. Mit seinen Büchern wolle er auch seinen Teil zur Versöhnung beitragen, meinte er. Der weitaus größte Teil seiner Bücher wurde auch im Deutschsprachigen Raum verkauft. 1995 bekam er in Österreich das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.