ANMERKUNG:
Diese Erinnerungen an meine Kindheit waren eigentlich nicht für das Internet gedacht, aber sie sind ein Stück Zeitgeschichte und es könnte sein, dass sich jemand dafür interessiert. Ganz uninteressant ist es anscheinend nicht, denn eine "Abteilung" der Uni Wien hatte neben anderen meiner "Machwerke", auch an diesem Beitrag Interesse. Auch meine
Gedanken zum Alter gehörten dazu. Ich war jedoch nicht gewillt, außer meinem Einverständnis zur Veröffentlichung auch noch einige Fragebögen mit meinem und dem detaillierten Lebenslauf meiner Eltern auszufüllen! Es gibt nichts zu verbergen, es geht mir eigentlich nur um das Prinzip! Was hat der Lebenslauf meiner Eltern mit einer Aufnahme in die Analen der Universität Wien und einer Veröffentlichung zu tun? 

MEINE KINDHEIT. (1938-1952)

Ich wurde im April 1938 in Wien geboren. In einer Geburtsklinik in Gersthof, einem eleganten Villenviertel. Da die meisten Wiener Bürger kaum die Chance hatten, jemals in einem Villenbezirk zu wohnen, wollte ihnen die Stadtverwaltung, in dessen Besitz sich die Klinik befand, wenigstens das Privileg einräumen, ihre Kinder dort zur Welt kommen zu lassen. Also auch ich wurde dort geboren und laut Aussage meiner Frau Mama war ich das schönste Baby, das dort in den letzten 10 Jahren zur Welt kam. Nach einigen Tagen wurden dann meine Mutter und ich von meinem stolzen Vater abgeholt und mit dem Schienentaxi der Linie 41 nach Hause in die Josefstadt, dem 8.Wiener Gemeindebezirk gebracht. Auch dort soll ich bei meinem Eintreffen große Bewunderung ausgelöst haben. Aber nachdem mich einige Tage lang die Hausbewohner ausgiebig beliebäugelt und betätschelt hatten, kehrte wieder Ruhe ein und wir konnten ein normales Familienleben führen. Ich muss aber erwähnen, dass ich dies alles erst später von meiner Mutter erfahren hatte. Ich selber kann mich nicht mehr daran erinnern. Es ist mir überhaupt alles entfallen, was vor meinem ersten Geburtstag passiert ist und dies kam wie folgt.
Eines Tages, das genaue Datum weiß ich leider nicht, gab es ein kleines Erdbeben, das aber ausreichte, um Gegenstände, die auf Kästen standen, herunterfallen zu lassen. Leider auch eine damals schon alte Pendeluhr, die dummerweise genau über meinem Gitterbett hing. Sie hätte den Sturz auf das weiche Bett sicherlich gut überstanden, wenn sich nicht mein Kopf zwischen dem Haken der Uhr und dem Kopfkissen befunden hätte. Trotzdem überstanden beide, Uhr und Kopf dieses Ereignis relativ unbeschadet. Das Wort relativ bezieht sich auf einen kleinen Sprung im Glas vor dem Pendelkasten und auf mein Gedächtnis, das nur mehr die Gegenwart und Zukunft zur Kenntnis nahm. Dies als kurze Erklärung. Alles, was ich ab jetzt erzähle, zumindest das meiste davon, habe ich selber und wissentlich erlebt.

Meine Mutter war Schneiderin und sorgte daher großzügig für die Umhüllung meines Körpers. Aber sie nähte auch fleißig für andere Leute und besserte damit das Familienbudget auf. Obwohl mein Vater ganz gut verdiente, er war ein Nachkomme der berüchtigten Zunft der Steuereintreiber, konnten wir das zusätzliche Geld gut gebrauchen. Ich war inzwischen schon, ich glaube 15 Monate alt geworden und gut auf den Beinen. Zu gut für den Geschmack meiner Mutter. Angeblich hatte ich das Gehenlernen ausgelassen und begann nach dem Stehen-können sofort zu laufen. Da ich zusätzlich auch sehr abenteuerlustig war und gerne und vor allem plötzlich auf Erkundigung ausging, musste meine Mutter ständig hinter mir herrennen. Jetzt hätte ich fast eine Kleinigkeit vergessen. Als ich ein Jahr alt war, wurde Österreich an das Großdeutsche Reich angeschlossen und hieß nun Ostmark. Wir waren also jetzt Ostmärker. Der "Führer" hatte schon etwas früher, als ich seine Abenteuerlust entdeckt und war mit seinen Soldaten in Polen einmarschiert. Es war der Beginn des zweiten Weltkrieges. Einige Zeit später platzte dann in unser Familienglück die freundliche, aber bestimmte Aufforderung an meinen Vater, sich zu den Fahnen zu melden. Er hatte die Ehre, mit einigen anderen tausend Tornister-Touristen nach Russland reisen zu dürfen. Sogar vollkommen gratis. Die zu Hause gebliebenen Frauen und Ehegattinen durften aber via Radio, Fernsehen gab es damals bei uns noch nicht, den Weg ihrer Männer, die von Sieg zu Sieg eilten, mitverfolgen und wurden dadurch auch selbst angespornt, durch erhöhte Arbeitsleistung beim Gelingen dieses Feldzuges mitzuhelfen. Sie durften sogar ihren Schmuck und andere Wertgegenstände dem "Reich" zur Verfügung stellen und konnten somit für die Versorgung ihrer Männer mit Waffen und Munition auch ihr Teil beitragen. Der das Vaterlandsbewußtssein stärkende Ausspruch "Gold gab ich für Eisen" ist mir auch noch in Erinnerung geblieben. Da sich aber "unsere" Gegner doch nicht so rasch geschlagen gaben, wie der Führer gedacht hatte, wurde speziell der Bedarf an Buntmetall immer größer. So wurde dann also auch Hausrat aus Messing und Kupfer eingezogen und durch eisernen ersetzt. Noch heute ziert meine Altertumssammlung ein gusseiserner Mörser mit der Aufschrift "Durch Krieg zum Sieg. 1914-1917". Oh pardon, das war ja schon 30 Jahre früher im ersten Weltkrieg. Also war der glorreiche Führer gar nicht der Erfinder solcher Sammelaktionen. Der Krieg, der so vielversprechend für das "Tausendjährige Reich" begonnen hatte, zog sich aber wider Erwarten in die Länge. Doch nicht genug damit. Die Gegner hatten sich inzwischen nicht nur auf wundersame Weise vermehrt, sie hatten sogar noch die Vermessenheit, zurückzuschlagen! Eines Tages tauchten ihre Flugzeuge am blauen Himmel unserer Heimat auf. Wer hätte gedacht, dass diese Hinterwäldler überhaupt solche besaßen! Sie konnten sogar damit umgehen und ließen uns ihre Bomben nur so um die Ohren sausen. Das Leben in der Wienerstadt wurde langsam ungemütlich. Nachdem dann ein Bombe auch unser Haus gestreift hatte und uns im Keller der Mörtel auf die Köpfe fiel und man im Staub nicht mehr als vier, fünf Meter sehen konnte, machte meine Mutter im wahrsten Sinne des Wortes das, was man heute als Stadtflucht bezeichnen würde. Mit dem Notwendigsten in Koffern und Schachteln fuhr sie mit mir dorthin, "wo Ferien noch Ferien sind", also nach Niederösterreich. In einen kleinen Ort (Dörfles) bei Ernstbrunn. Also in die weitere Umgebung von Mistelbach. Zu Mistelbach möchte ich noch kurz etwas anführen. Diese Gemeinde, inzwischen wurde sie zur Stadt erhoben, besitzt, ich glaube noch bis heute, ein interessantes Privileg. Es stammt wahrscheinlich noch aus der Kaiserzeit. Aus welchem Grund auch immer, die Stadtväter dürfen jedenfalls aus ihrem Bestand an Jungmännern für den Nachwuchs der Wiener Polizei sorgen. Ähnlich also wie die Schweizer Garde im Vatikan zu Rom. Die Bezeichnung "Mistelbacher" für die Wiener Polizisten war aber nicht gerade als Kompliment gedacht! Wir wohnten bei einer netten Kleinhäusler-Familie, heute würde man Nebenerwerbskleinbauern-Familie dazu sagen. Familie mit Einschränkung, denn der Mann war natürlich ebenfalls eingezogen worden. Sie hatten zwei Buben und somit hatte ich gleich zwei Spielgefährten. Der ältere der beiden war etwas älter als ich und wir verstanden uns auf Anhieb so gut, dass die berühmten Fetzen flogen. Aber wir rauften uns im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Nur gab es furchtbare Kommunikationsprobleme. Wir verstanden nur wenig von dem, was der andere sagte. Ein Streitgespräch sorgte noch jahrelang für Unterhaltung unserer beiden Mütter. Im Garten entdeckte ich eine Kröte. "Schau, eine Göte" meinte ich und er verbesserte mich sofort: "Des is a Glot." "Nein eine Göte", "Na des is a Glot". Und dies ging so eine Zeitlang hin und her. Aber als gelehriger Schüler hatte ich seine Sprache bald erlernt und beherrschte sie fast besser als er selbst. Ich wurde auch bald, wenn auch mit zum Teil mit tatkräftiger Unterstützung meines Freundes, in den Kreis der männlichen Dorfjugend aufgenommen. Die dazu nötigen Prüfungen, wie weitspucken, weitpinkeln, Krötenfangen und einiges mehr hatte ich mit Auszeichnung bestanden. Als ich dann auch noch meine ersten Hiebe von einer Bäuerin wegen dem stehlen von Weintrauben bekommen hatte, war ich ein vollwertiges Mitglied. Ich glaube, das war die schönste Zeit meiner gesamten Kindheit. Der Ort besaß überhaupt alles, was ein richtiger Bub brauchte. Wiesen, Wälder, einen kleinen Berg, ein in der Nähe befindliches Schloss und sogar einen kleinen Teich. Dessen dunkelgrünes Wasser teilten sich mit uns aber auch Karpfen und jede Menge Kröten. Das Wasser war dermaßen schmutzig, dass man beim tauchen maximal zwei Meter Sicht hatte. Zum schwimmen brauchte man auch eine eigene Technik. Mit weit nach vorne ausholenden Handtempi mussten wir immer erst die "Grodnheidln", den Krötenlaich zur Seite schieben. Aber trotzdem war es traumhaft für uns Buben. Vor allem das Tauchen machte großen Spaß. Wir tauchten hinunter auf den Grund und tasteten, sehen konnte man ja nichts, mit den Händen im tiefen Schlamm nach dort verborgenen Schätzen. Fast alles gab es da. Verrostete Radfelgen, ganze Fahrräder, Kochtöpfe, Flaschen und vieles mehr. Nicht nur einmal zerschnitten wir uns Hände und Füße an Scherben. Aber was soll´s. "Was ein richtiger Bub ist, der steckt das weg, wie nichts!"
Einige Male fuhren meine Mutter und ich mit dem Zug nach Wien, besuchten dort zurückgebliebene Verwandte und holten immer ein bisschen was aus der Gott sei Dank verschont gebliebenen Wohnung. Einmal, auf der Rückfahrt, es war gerade in Korneuburg, wurde diese Stadt bombardiert. Mit Volldampf versuchte der Lokführer den Zug aus dem Gefahrenbereich zu bringen und verließ den Bahnhof. Auf einem Feld blieb er stehen und alle sprangen aus dem Zug und warfen sich auf den Boden. An das eigenartige Pfeifen der schräg vom Himmel fallenden Bomben und das darauffolgende Krachen der Detonationen kann ich mich noch gut erinnern, an manches andere nur mehr etwas schemenhaft. Dann krachte es auch in unserer unmittelbaren Umgebung und dann Schreie, Weinen und Blut. Sehr viel Blut. Nun kommt einer dieser Erinnerungsaussetzer. Jedenfalls waren wir alle in der Bahnhofshalle und wurden versorgt. Meine Mutter und ich waren aber zum Glück unverletzt geblieben. Dem Zug direkt war nichts passiert und nach einiger Zeit konnten wir unsere Fahrt nach Ernstbrunn fortsetzen.
Später fuhren wir auch noch ein oder zwei Mal mit einem alten Bauern mit dem Pferdewagen nach Wien und holten wieder Sachen heraus. Aber auch zu Fuß mit einem kleinen Leiterwagerl machten wir diese Tour. Kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen. Sechzig Kilometer zu Fuß und wieder zurück. Inzwischen war ich nun schon sechs Jahre alt geworden und besuchte in Ernstbrunn die Volksschule. Da ich alleine schon das Wort "Schule" nicht mag, übergehe ich nähere Einzelheiten. Der Weg zur Schule dauerte rund eine halbe Stunde. Im Sommer eine Kleinigkeit, im Winter, damals gab´s für Buben noch keine langen Hosen, nur kurze Hosen und mit Strumpfbandhaltern hochgehaltene Zwirnstrümpfe, war es mitunter ganz schön huschi. Auch nass, vor allem in den Schuhen, weil wir durch den tiefen Schnee stapfen mussten. In immer kürzer werdenden Abständen wurden wir nun schon von feindlichen Flugzeugen überflogen und auf dem Weg zur und von der Schule tat man gut daran, auf den Himmel zu achten. Der berühmte "Kuckuck" aus dem Radio, warnte vor herannahenden Flugzeugen. An ein Ereignis kann ich mich noch gut erinnern. Nach so einem Kuckucksruf begaben wir uns in einen nahegelegenen Weinkeller, der von der Ortsbevölkerung als Luftschutzkeller eingerichtet worden war. Tische, Bänke, Sessel, usw. Ungefähr 5 Minuten Wegzeit. Irgend etwas hatten mein Freund und ich aber vergessen und wir liefen zurück. Kaum waren wir beim Haus angelangt, tauchten russische "Tiefflieger" auf und schossen auf uns. Eine der beiden Eingangstüren war aber Gott sei Dank etwas zurückgesetzt und in dieser Nische suchten wir Schutz. Dann nichts als zurück zu unseren besorgten Müttern im Keller. Ich glaube, in dieser Zeit haben alle gebetet. Auch solche, die es vielleicht schon verlernt hatten. Nach der Entwarnung gingen wir wieder zurück zum Haus. Aber immer öfters hörten wir aus dem Radio, dass auch die russischen Bodentruppen immer näher kamen und dann tauchten eines Tages die ersten zurückweichenden deutschen Soldaten auf. Zwei Tage später war dieser kleine, entlegene Ort zur heiß umkämpften Front geworden. Im Weinkeller suchten wir nun Schutz vor den Granaten des Feindes. Die wenigen noch übrig gebliebenen deutschen Soldaten bezogen mit einem Maschinengewehr Stellung auf einem Hügel, gleich neben unserem Keller und immer abwechselnd kamen sie herunter, um nach uns zu sehen und um sich kurz zu erholen. Sie kämpften im wahrsten Sinn des Wortes bis zum letzten Mann. Ich werde niemals vergessen wie ein Soldat herunterkam und sagte, dass jetzt nur mehr er selbst und noch ein zweiter Soldat übriggeblieben waren . Er verabschiedete sich von uns, auch im Namen seines Kameraden und ging wieder nach oben. Einige Zeit später war das Gewehrfeuer verstummt, aber niemand getraute sich hinaus, um nachzusehen. Dann tauchte der erste russische Soldat mit dem Maschinengewehr im Anschlag im Keller auf und unserer aller Angst ist kaum zu beschreiben. Aber dieser Stoßtrupp hielt sich nicht lange auf. Sie durchsuchten den Keller nach deutschen Soldaten und Waffen und zogen wieder weiter. Wir konnten nun sogar wieder in unsere Häuser zurückkehren. Aber dann kam die Hauptmacht der Russen und diese Soldaten hatten schon wesentlich mehr Zeit, sich uns zu widmen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, der Krieg war zu diesem Zeitpunkt schon zu Ende. Diese russischen Soldaten waren samt und sonders sehr nett, vor allem aber hilfsbereit. Die Dorfbewohner hatten alles, was etwas wertvoller war, vorsorglich versteckt und vergraben und mitunter so gut, dass sie es selber nicht mehr finden konnten. Die russischen Soldaten halfen uns aber unaufgefordert beim Suchen und hatten zumeist Erfolg. Aus Angst, das diese Wertgegenstände vielleicht doch noch in falsche Hände fallen könnten, behielten sie diese zur Sicherheit gleich selber. Und ständig fragten sie uns nach "Ura, ura??!!" Anfangs wussten wir nicht, was dieses Wort bedeutet. Es hieß soviel wie Uhr. Sie waren ganz verrückt nach Uhren. Diese russischen Soldaten mussten ein hervorragendes Gehör gehabt haben! Sie fanden jede versteckte Uhr, sogar jene die nicht einmal aufgezogen waren. Manche Soldaten hatten ganze Arsenale von Taschen- und Armbanduhren bei sich. Von letzteren trugen sie sogar vier bis fünf Stück auf jedem Arm. Es dürfte der russischen Armee aber in unserer Ortschaft gefallen haben, denn sie blieben. Und sie blieben lange. In unserem Haus quartierte sich sogar der Oberst mit seiner "Dienerschaft" ein. Folgendes sage ich nun im vollsten Ernst und ohne jede Zweideutigkeit. Dieser Oberst war ein wirklich netter und sympathischer Mann. Uns Kinder verwöhnte er, als wären wir seine eigenen. Wobei aber alle russischen Soldaten äußerst kinderliebend waren. Wir wurden mit essen und Geschenken förmlich überhäuft. Jetzt beim schreiben dieser Zeilen denke ich nach, ob wir eigentlich gewusst hatten, welchen Zivilberuf "unser Oberst" hatte. Wenn ja, dann haben wir es, sowohl meine Mutter, als auch ich vergessen.
Nun wieder etwas weniger ernst. Die Soldaten wollten aber nicht nur uns Kinder verwöhnen, sie wollten es auch bei der weiblichen Dorfbevölkerung so halten. Ich weiß bis heute nicht, was sie den Frauen schenken wollten, aber jedenfalls rannten die Frauen immer weg, wenn ihnen einer der Soldaten zu nahe kam. Aus lauter Gram über diese schnöden Abweisungen begannen sie sich zu besaufen und dann ging die wilde Jagd erst richtig los. Manchmal befanden sich mehr Frauen im Wald, wo sie sich versteckten, als im Ort selbst. Nicht nur einmal verbrachte ich die ganze Nach mit meiner Mutter im Wald. Wenn es die Soldaten aber zu arg trieben, griff der Oberst oft mit eiserner Härte und sogar mit gezogener Waffe durch. Das ist Tatsache. Genau so Tatsache, wie das Nachfolgende!
Einer der betrunkenen Russen hatte die Gärtnerstochter vergewaltigt. Als der Oberst am nächsten Tag davon erfuhr, wurde der Täter an einem Seil hängend, mit dem Kopf voran in einer Jauchengrube ertränkt! Von da an hatten die gemeinen Soldaten weit mehr Angst vor ihrem Oberst, als früher die Frauen vor den Soldaten. Die Frauen und Mädchen wurden jetzt wirklich in Ruhe gelassen und das Leben in der kleinen Ortschaft normalisierte sich wieder, soweit man diese Zeit der Besetzung und das Fehlen der Männer und Väter als normal bezeichnen kann. Für uns Kinder war es aber eine wirklich schöne Zeit. Wir wurden von den Soldaten verzärtelt und beschenkt und erst viel später begriff ich so richtig, wie sehr diesen Männern ihre eigenen Familien und vor allem ihre Kinder gefehlt haben müssen. Noch eine Vorliebe hatten die Russen. Fahrräder. Wobei aber keiner von ihnen damit fahren konnte. Das schildern des versuchten Erlernens des Radfahrens würde alleine schon eine ganze Schreibseite füllen. Irgendwo hatten sie sich funkelnagelneue Fahrräder "besorgt". Wenn es so manchem einfach nicht gelingen wollte, im Sattel zu bleiben, warf er es zu unserer Freude wutentbrannt zur Seite und es wurde von uns annektiert. Meine Mutter hatte in der Zwischenzeit auch schon ihre Angst vor den Russen abgelegt und zeigte so manchem resolut die Zähne. Eine Begebenheit dokumentiert dies anschaulich. Ein Soldat schob eines dieser neuen Fahrräder an unserem Haus vorbei und meine Mutter ging einfach hin zu ihm. "Das mein Rad!" Widerspruchslos überließ er es ihr. Ihr mutiges und resolutes Auftreten den Soldaten gegenüber trug ihr bald einen Spitznamen ein. "Mama nix is gut". War aber nicht böse, sondern eher nett und anerkennend gemeint. Sie wurde wirklich von allen geachtet. Dazu fällt mir heute auch etwas zu der Behandlung der Russen ein. Es gibt da gewisse Parallelen zwischen den russischen Soldaten von damals und von Hunden. Wenn sich einem ein Hund kläffend in den Weg stellt und man ihm zeigt, dass man keine Angst vor ihm hat, oder es zumindest nicht merken lässt und vielleicht auch noch beruhigend auf ihn einredet, wird er mit größter Wahrscheinlichkeit mit dem Schwanz wedelnd auf einen zukommen. Bei den Russen war es genau so. Das "wedeln" muss man natürlich ausklammern! Hinter dem Haus befand sich ein kleiner Hof und hinter diesem, durch ein Gatter getrennt eine Wiese und ein kleiner Stall für Kaninchen und Gänse. Eines Tages befand sich dort angebunden eine Kuh. Damit hatte ein unbekannter Spender auch für unseren Bedarf an Milch gesorgt. Aber auch wir Kinder bekamen ständig neue Geschenke. Einen großen Zweiradler mit Vollgummirädern, damals eine Attraktion, Kinderbücher, Spielsachen und vieles mehr. Sogar einen Fotoapparat bekam ich geschenkt. Eine Agfa Box, mit der ich noch Jahre später fotografiert hatte. Dann überreichte mir einer der Soldaten auf der Straße einen ganzen Schinken, den ich fast alleine nicht tragen konnte. Mit einem Wort wir waren zur zweiten Familie für diese Soldaten geworden. Nun hätte ich fast meine erste Zigarette vergessen. Einer der Soldaten überließ mir eine. Er fertigte sie sogar extra für mich an. Ein Stück Zeitungspapier zu einem kleinen schmalen Stanitzel (Tüte) gedreht, den Tabak hineingeleert, etwas zusammengedreht und dann im Munde angezündet. Sie nannten diese Form der Zigarette "Machorka". Für die Richtigkeit der Schreibweise kann ich keine Garantie geben. Ich bekam sofort einen Hustenanfall, der sich gewaschen hatte. Aber trotzdem machte ich noch zwei oder drei weitere Züge. Ich wollte doch ein richtiger Mann sein! Der Soldat bekam fast einen Lachkrampf und schlug sich mit den Händen auf die Schenkel, wie ein alpenländischer Schuhplattler. Aber dann hatte ich wirklich genug und überließ ihm mehr als gerne den Rest. Aber das dicke Ende kommt noch! Mir wurde schlecht, und wie mir schlecht wurde! Mehr taumelnd, als gehend rettete ich mich in den Hof zum "Plumpsclo". Und dann wusste ich wirklich nicht, was ich zuerst über das ausgeschnittene Loch halten sollte. Den Mund, oder das ganze Gegenteil davon. Obwohl ich mir damals vorgenommen hatte, nie wieder eine Zigarette zu rauchen, bin ich heute trotzdem ein relativ starker Raucher. Der Soldat hatte diese Flucht aufs "Häusel" aber noch mitbekommen und als ich es nach etlichen Minuten verließ, ging er mir entgegen, klopfte mir auf die Schulter, sagte etwas auf russisch, was nach dem Tonfall eine Entschuldigung gewesen sein könnte und strich mir sogar über die Wange. Diese Russen waren, wenn sie nüchtern waren, wirklich durchwegs nette Menschen! Zumeist waren sie im Privatleben biedere Bauern, oder Knechte. Und noch ein dazu passender Nachtrag. Heute eine etwas lustig anmutende Begebenheit, damals aber etwas weniger unterhaltsam. Viele dieser Soldaten stammten ja aus den entlegensten Teilen Russlands und waren zum Teil technisch vollkommen unbelastet. Ein Soldat betrat damals unsere Küche und blieb fasziniert vor dem Radiogerät stehen. Nach seiner Gestik zu schließen wollte er wissen, was dies sei. Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich glaube meine Mutter, schaltete das Gerät ein. Damals gab es noch keine sofort einsatzbereiten Transistoren. Nur Röhren und diese Röhren benötigten einige Zeit, um die Betriebstemperatur zu erreichen und gaben dabei einen Brummton von sich. Erschreckt trat der Soldat zurück, zog den Revolver und verwandelte unser schönes Radiogerät in Elektronikschrott. Dies war der Nachtrag.
Aber langsam wurden die russischen Soldaten aus unserer Ortschaft abgezogen und auch unser Oberst zog aus. Sie übersiedelten in das nahegelegene Schloss. Meine Mutter und auch andere Frauen der Ortschaft wurden ebenfalls stundenweise ins Schloss "gebeten". Sie mussten für das leibliche Wohl der neuen Schlossbesitzer sorgen. Nach der Schule machte ich den Umweg über das Schloss und bekam auch dort mein Mittagessen. Mein Lieblingsgericht war der "Eintopf". Da war alles drin, was gut und nahrhaft war. Fleisch, Gemüse, Kartoffel, Rollgerste und weiß der Himmel, was noch alles. Jedenfalls schmeckte es traumhaft und mir knurrt sogar jetzt noch, wenn ich daran denke, der Magen! Für uns Buben begann nun wieder eine neue Ära des Zeitvertreibes. In den Wäldern gab es jede Menge Abenteuer! Verlassene Bunker, mit noch teilweise vorhandenem "Inventar" waren ideale Spielplätze. Wenn man mit offenen Augen durch die Wälder streifte, fand man auch noch genügend Munition. Mitunter sogar noch komplette Kisten. Natürlich verschwiegen wir dies vor unseren Müttern und versteckten unsere Schätze. Immer interessanter wurden unsere Spiele. Wir brachen mit Zangen die Spitzen (Kugeln) von den Patronen, leerten das Pulver aus und zündeten es an. Zum Teil häuften wir auch ein etwas größeres Quantum an Pulver auf, legten noch trockene Zweige darauf und oben auf noch geschlossene Patronen. Dann das Pulver anzünden und schleunigst in Deckung hinter die Bäume. Das ergab ein herrliches Gewehrfeuer. Würde ich heute aber keinem Buben mehr zur Nachvollziehung empfehlen. Großes Glück hatten wir aber auch einmal dabei. Das "Gewehrfeuer" war schon verstummt und trotz unserer Meinung nach genügend langer Wartezeit explodierte dann doch noch ein Spätzünder, nachdem wir unsere Deckung verlassen hatten. Gottlob passierte aber nichts. Weniger Glück hatte aber Monate später ein anderer Bub des Ortes. Er war der älteste von uns allen. Wir jüngeren waren gerade schwimmen, da gab es einen lauten Knall. Eine der doch noch nicht gefundenen und entschärften Minen im Wald war explodiert und hatte ihm ein Bein abgerissen. Nun kamen auch schon die ersten Heimkehrer nach Hause. Einer der ersten war sogar mein Vater. Er war an der Hand von einem Granatsplitter getroffen worden und noch vor Kriegsende ins Lazarett gekommen und dadurch entging er der Gefangenschaft. Der Mann unserer Quartiergeberin zum Beispiel hatte weniger Glück und kam erst Jahre später aus der russischen Gefangenschaft zurück.
Nach einigen Wochen übersiedelten wir dann gemeinsam mit meinem Vater wieder nach Wien. Die zweite Hälfte der zweiten Volksschulklasse besuchte ich dann schon in der Wiener Josefstadt. Und jetzt hatte ich wieder das Problem, dass mich meine Klassenkameraden nur schwer verstehen konnten. Also musste ich das zweite Mal eine neue Sprache lernen. Nicht genug dessen. Der achte Gemeindebezirk war amerikanischer Sektor. Auch hier hatten wir Kinder natürlich engeren Kontakt zur Besatzungsmacht. Mit den in Niederösterreich erlernten russischen Worten konnte ich hier natürlich nicht viel anfangen, ich musste mich auf englisch umstellen. Und noch ein Rückblick. Ich hatte vorhin schon erwähnt, welch großes Glück wir Buben auf dem Lande beim spielen mit Kriegsmaterial hatten. Wie groß es eigentlich wirklich war, habe ich erst Monate später, bei einem Besuch in der alten Heimat erfahren. Auf unserem Schulweg nach Ernstbrunn stand ein abgeschossener Panzer und auch eine total verrostete Panzerfaust. Auf dem Nachhauseweg spielten wir dort immer noch ein wenig. Als ich dann schon einige Zeit in Wien war, explodierte angeblich diese Panzerfaust und ein Bub aus Ernstbrunn wurde getötet.
Aber wieder zurück nach Wien. Noch einiges Neue kam auf mich zu. Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Neger, bitte um Entschuldigung, einen Schwarzen gesehen. Den ersten Ami dieser Hautfarbe habe ich dementsprechend überrascht und neugierig betrachtet. Auch die amerikanischen Auto sahen anders aus, als jene die ich kannte. Ich tat mir anfangs schwer, aus der Entfernung festzustellen, wo vorne und wo hinten war. Aber auch die amerikanischen Soldaten waren nett zu uns Kindern. Es gab hier zwar keine so große Auswahl an Geschenken, aber Kaugummi, auch etwas neues für mich, und vor allem Schokolade!!!! Mhhhhhm!! Im Gegensatz zu Ernstbrunn war es mit dem Essen in Wien nicht so gut bestellt. Heutzutage spricht man gerne vom Idealgewicht, das man meist nur durch hungern erreichen kann. Dies war damals sicherlich kein Problem in Wien! Von Fleisch zum Beispiel konnte man zumeist nur träumen und ohne den in die Geschichte eingegangen Erbsen und Bohnen, die wir von der Besatzungsmacht bekamen, wären viele verhungert. Wobei aber diese Erbsen sehr nahrhaft waren. Das sonst so rare Fleisch war in diesen reichlich vorhanden. Sogar in noch lebendem und somit knackig frischem Zustand. Aus Dankbarkeit für diese Zuteilung an Hülsenfrüchten, wurde damals sogar unsere Bundeshymne abgeändert.
"Land der Erbsen, Land der Bohnen, Land der vier alliierten Zonen...." Der heute als so gefährlich eingestufte Schimmelpilz war damals fast fixer Bestandteil unserer, wenn überhaupt vorhandenen Lebensmittel. Heute wandert ein ganzer Brotwecken, nur weil er, zumeist aus Mangel an Chemie, ein kleines grünlich-weißes Fleckchen zeigt, in den Mistkübel. Ich habe schon den Schinken erwähnt, den mir ein russischer Soldat überlassen hatte. Eben dieser Schinken war daran schuld, dass ich von meinen Schulkollegen als Lügner bezeichnet wurde. Kein Kind kannte damals in Wien einen Schinken. Man konnte sich nicht einmal etwas darunter vorstellen. Aber auf einem noch teilweise vorhanden Portal einer Fleischerei befand sich ein handgemaltes Glasschild und darauf die Abbildung eines leckeren Schinkens! Als ich dann meinen Schulkollegen erzählte, dass ich genau so ein Exemplar von einem Russen geschenkt bekommen hatte, hatten sie es mir einfach nicht geglaubt. Apropos Fleischer. Falls es überhaupt Fleisch gab, konnte man sich´s kaum kaufen. In der Nähe meiner Großmutter befand sich auch so ein Fleischerladen und im Hof standen die Abfallkübel. Gemeinsam mit meiner Großmutter klaubte ich einige Knochen heraus. Es war Sommer und es war heiß und auch die Fliegen waren hungrig. Aber trotzdem, die daraus zubereitete Suppe schmeckte herrlich. Damit meine ich aber nicht die Fliegen, sondern die Knochen. Auch mit der Bekleidung gab es natürlich Probleme. Im Sommer gingen wir Kinder fast alle barfuss und solche, die Schuhe trugen, wurden beneidet bis angefeindet. Jeder Stofffetzen wurde zu Kleidung verarbeitet. Am besten dran waren jene Leute, welche noch die Uniform des Vaters, oder Gatten besaßen. Sie wurde sachkundig auf einen Steireranzug abgeändert. Auch Decken taten gute Dienste. Nun kam uns wieder der Schneiderberuf meiner Mutter sehr zustatten. Sie nähte für uns, aber auch für andere Leute. Es wurde meist nicht mit barer Münze bezahlt, es wurde gegeben, was man eben hatte und der Andere gebrauchen konnte. Dann kam die große Chance der Landbevölkerung. Im Krieg gab es den Spruch "Gold gab ich für Eisen", nun konnte man sagen "Gold gab ich für Brot, Kartoffel, usw." Bauern kamen nach Wien und tauschten ihre Produkte gegen Wertgegenstände jeder Art. Der Schwarzhandel blühte. Der damals größte Umschlagplatz dafür war der Schwarzenbergplatz. Kein Schreibfehler, nicht Schwarzhandelsplatz! Auch Zigaretten waren natürlich rar bis nicht vorhanden. Diejenigen Männer, die auf dieses Laster nicht verzichten konnten, waren auf das "Tschik-arrettieren" angewiesen. Das heißt, auf der Straße liegende Kippen wurden gesammelt, der Tabak daraus entnommen und mit Hilfe von Seidenpapier wieder zu neuen Zigaretten "gewutzelt". Damals hatten alle Raucher dunkelbraun verbrannte Fingerkuppen. Erstens gab es noch keine Filterzigaretten und zweitens wurden die Tschicks bis zum letzten Millimeter geraucht. Ganz Gewiegte spießten sie auf Stecknadeln. Dadurch ersparte man sich die verbrannten Finger. Wir im amerikanischen Sektor hatten es da relativ gut. Die Amis warfen meist nur halb gerauchte Zigaretten weg. Die Kinder sammelten sie natürlich für ihre Väter ein. Manchmal konnten wir auch ganze Zigaretten von den Amis erbetteln. Aber es gab unter den Amis auch weniger nette Zeitgenossen. Wir bezeichneten sie als "Gfraster". Wir gingen ja schon des öfteren neben oder hinter einem rauchenden Soldaten und warteten auf die Kippe. Und diese Gfraster ließen sie fallen, sahen uns grinsend an und zermalmten sie mit den Schuhen. Es gibt eben nicht nur gute Amerikaner! Ich könnte da sogar noch einige Beispiele dazu anführen.
Die Russen waren auf Uhren ganz verrückt gewesen, ähnlich verrückt waren in Wien manche
Frauen und Mädchen auf etwas, was die Amis hatten. Und zwar auf "Nylons". Für diese dünnen Strümpfe aus Nylon gaben manche Mädchen mehr, als man meinen würde. Ich denke, so manches der sogenannten "Besatzungskinder" entsprang dem unbändigen Wunsch nach Nylons. Man könnte über diese nicht sehr erfreuliche Periode der Nachkriegszeit noch vieles schreiben.
Langsam aber besserte sich die Lage in Wien und man konnte sich doch schon hin und wieder etwas kaufen. Mein Vater war in der Zwischenzeit auch wieder beim Fiskus gelandet. Jetzt waren wieder die Bewohner des russischen Sektors von Wien im Vorteil. Dort gab es die sogenannten "USSIA"-Geschäfte mit extrem billiger Ware. Es war jedoch fast eine Schande, als Wiener dort einzukaufen. Wenn jemand dort wirklich etwas erstand, trachtete er nach Möglichkeit, von keinem Bekannten dabei gesehen zu werden. Ich holte dort zum Beispiel fallweise billige Zigaretten. Selbstverständlich nur stückweise.
Vom Wiederaufbau des zerbombten Wiens konnte man nun langsam auch schon etwas sehen. Die vielen Ruinen waren je nach Beschädigungsgrad repariert, zum Teil auch nur provisorisch, oder abgerissen und neu aufgebaut worden. Trotzdem gab es noch Jahre hindurch genügend Löcher in den einst geschlossenen Häuserzeilen. Aber langsam, ganz langsam normalisierte sich das Leben in Wien. Auch jetzt mache ich (noch) keine näheren Angaben zu meiner Schulzeit, aber ich wurde Mitglied der Pfadfinder. Unsere Gruppe, ich glaube, es war die Gruppe 66, wurde großzügig von den Amerikanern unterstützt. Vielleicht, weil unsere Hüte denen der kanadischen Rotröcke glichen. Wenn andere Wiener Gruppen mit der Straßenbahn an den Stadtrand fuhren oder zu Fuß gingen und von dort aus ihre Ausflüge starteten, so wurden wir von den Amis im Mannschafts-LKW an Ort und Stelle gebracht. Auch für die Marschverpflegung wurde großzügig gesorgt. Sie haben auch verzweifelt versucht, unser Interesse an Baseball und ihrer Art von Fußball zu wecken. War aber zwecklos. Unser, auch von ihnen gespendeter Fußball war uns wesentlich lieber, als ihre komischen Keulen und unrunden Eierlaberln. War aber trotzdem immer sehr schön. Großen Spaß hatten wir daran, wenn der farbige Fahrer während der Fahrt plötzlich vom Gas ging und damit ein schussartiges Zündungsgeräusch erzeugte, das die Passanten fast aus den Socken hob. Noch etwas aus dieser Sponsorenzeit durch die Ami ist mir in Erinnerung geblieben. Wir wurden von den Amerikanern zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Mir hatte man ein Weihnachtsgedicht auf englisch beigebracht und ich durfte es auf der Bühne vortragen. Anwesend war auch ein ganzes hohes Tier, irgend ein General. Was ich zuerst nicht wusste, der General, der in der ersten Reihe saß, war durch eine Kriegsverletzung erblindet. Dies hatte ich erst bemerkt, als er die dunkle Brille abnahm um sich die Tränen der Freude oder Rührung abzuwischen. Mich aber steckte er mit dieser Rührung an und auch ich auf der Bühne begann zu heulen. Eigentlich eines Pfadfinders total unwürdig! Jedenfalls machte sich dieses Gedicht durch eine weitere sehr hohe Spende an die Gruppe bezahlt. Apropos! Auf der gleichen Bühne, auf der ich damals mein Gedicht vortragen durfte, brachte einige Jährchen später die "Löwinger-Familie" die Zuschauer, im Gegensatz zu mir, zum lachen.
Nun muss ich, wenn auch widerwillig doch auch etwas über meine Schulzeit schreiben. Aber nur, weil sie eben auch noch zu meiner Kindheit gehört!
Nach dem Besuch der Volksschule, besuchte ich dem Wunsch meines Vater entsprechend das Gymnasium. Meine Lernerfolge waren mittelprächtig. Vielleicht wäre es mir aber mit einem anderem Klassenvorstand besser ergangen. Wir hatten einen gewisser Professor ?? (den Namen kenne ich heute noch und werde ihn auch nie vergessen und wenn ich so alt wie Moses werden würde.) Jedenfalls war dieser Professor das, was man im Privatleben als Schinderhannes und beim Militär als "Schleiferplatzek" bezeichnen würde. Wobei ich sicher bin, dass er es im Krieg tatsächlich war. Ich hatte den Eindruck, dass er seinen Frust am verlorenen Krieg an uns Schülern und damit auch an unseren Eltern ausließ. Zu meinen vielen schlechten Eigenschaften zählt auch ein extrem ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Ich hasste diesen Menschen mindestens so sehr, wie er mich und revanchierte mich, wo es nur möglich war. Auch nach der Schule. Meine weiteren schlechten Eigenschaften, Ehrlichkeit und Stolz, bewirkten wieder, dass ich nach der berühmten Frage eines Lehrers: "Wer war das?" mit vor Stolz geschwellter Brust aufzeigte und auch noch grinste. Das Ergebnis, war die Betragensnote 4e . Vier mit Ermahnung hieß dies ausgeschrieben. Dies war soviel, wie 1/4 5. In Österreich ist 5 die schlechteste Note. Meine Mutter war verzweifelt! Ich weniger, ich war stolz. Weil in den letzten fünf oder sechs Jahren hatte das keiner mehr geschafft und es war eine große Schule mit einigen hundert Schülern. Ab diesem Zeitpunkt wurde aber das Gymnasium erst recht zur Hölle für mich! Das Anraten des "lieben" Klassenvorstandes an meine Eltern, mich aus der Schule zu nehmen, bevor ich ohnedies daraus "entfernt werden würde", wurde von meinem Vater abgelehnt. Natürlich zur großen Freude des Herrn Professor und nun legte er erst so richtig los und er bekam mich tatsächlich klein! Denn nun hielt ich es selber auch nicht mehr aus. Meine damalige Aussage, "wenn ihr mich nicht aus der Schule nehmt, springe ich zum Fenster hinaus" zeigte dann doch Wirkung bei meinen Eltern. Am Rande vermerkt: Von, ich glaube fünfunddreißig oder mehr Schülern meiner Klasse, beendeten sechs, oder sieben auch die achte Klasse!! Jedenfalls, kam nun der Wechsel in eine "gewöhnliche Hauptschule". Gar nicht so einfach mit meiner Betragensnote. Meine Mutter ging regelrecht hausieren mit mir. Endlich wurde ich in einer Hauptschule im 7.Bezirk huldvoll aufgenommen. Da schulischer Fleiß ohnedies nicht zu meinen Stärken zählte, war das erste Jahr genau richtig für mich, denn das was man hier jetzt lehrte, hatte ich ja alles schon im kleinen Finger. Ich lernte also "auf Sparflamme". Ich hatte mich an dieses reduzierte Lernen aber schon so gewöhnt, dass ich versuchte, es auch mit dem neuen, noch unbekannten Lehrstoff so zu halten. Meine Noten waren daher auch jetzt nicht unbedingt als hervorragend zu bezeichnen. Außerdem gab es da noch etwas, was mich überhaupt immer etwas ablenkte. Es war ja eine gemischte Schule, das heißt, es gab auch Mädchen in der Klasse und da ich anscheinend etwas frühreif war, wurde ich zur Sicherheit so bald als möglich in eine andere Klasse versetzt. Es waren dann beim Austritt aus der Schule insgesamt drei verschiedene, die ich besucht hatte. Wobei mich aber eigentlich alle Lehrer gerne gemocht haben und auch umgekehrt war es so. "Er ist ein wirklich lieber Kerl und wenn er nur wollte, wäre er auch ein guter Schüler." Zum Unterschied zum Herrn Professor im Gymnasium waren sie auch verständnisvoll und fair, vor allem meiner Mutter gegenüber. Mein Wechsel in eine andere Klasse wurde immer damit erklärt, dass die Klasse etwas überfüllt sei und verständlicherweise der zuletzt dazugekommene Schüler das Opfer sei. Den wahren Grund hatte man meiner Mutter meines Wissens nie erzählt. Jetzt hätte ich fast auf einen weiteren Versuch meines Vaters vergessen, aus mir doch noch einen Akademiker zu machen. Nach einem Jahre Handelsakademie war dann meine Schulzeit endgültig vorbei! Ob es an meinen Fähigkeiten lag oder nur am fehlenden Ehrgeiz, das weiß ich bis heute noch nicht! Na ja, das war´s im Großen und Ganzen zu meiner Kindheit. Langweilig war sie eigentlich nie und bis auf die Zeit mit dem Herrn Professor Schleiferplatzek war sie auch schön.

Vor allem dank meiner Mutter, die immer versucht hat, mir zu zeigen was richtig und was falsch, gut und böse ist und bei meiner Erziehung das ideale Mittelding zwischen Strenge und Nachsicht gefunden hat. Auch in meiner darauffolgenden Jugendzeit hat sie es so gehalten. Trotz "langer Leine" (fast) immer unter Kontrolle und nur ja nicht versuchen, allen Unbill vom geliebten Sprössling fernzuhalten. Vor allem ein Junge soll "durch alle Wasser schwimmen", Erfahrung sammeln und sich dann selber den richtigen Weg suchen.

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