DIE STANDLERIN VOM WIENER BRUNNENMARKT

Auf dem Weg zu einem Bekannten kam ich auch an dem Markt vorbei, in dessen Standreihen ich mich schon als kleiner Junge herumgetrieben hatte und verspürte plötzlich das Bedürfnis, nach so vielen Jahren wieder einmal durch diese enge Marktgasse zu schlendern. Da ich noch genügend Zeit hatte, suchte ich einen Parkplatz für meinen Wagen und begab mich in das laute Gewühl des Marktes. Der süßlich, faule Geruch von Abfällen, das laute Stimmengewirr, das immer wieder von den hellen Anbotrufen der Verkäufer übertönt wurde, übte einen eigenen Reiz aus und weckte in mir selige Kindheitserinnerungen.

Auf diesem Markt hatte ich mich immer mit meinen Freunden und Schulkollegen vergnügt. Wir fanden großen Spaß daran, die Marktfrauen zu ärgern, indem wir die ausgestellten Waren ausgiebig betasteten und dann über den zu hohen Preis lästerten. "Dort vorne sind die gleichen Äpfel aber billiger." Wir gaben uns erst zufrieden, wenn die erzürnte Standlerin eine der berühmten Schimpfkanonaden vom Stapel ließ. Als ich nun als reifer Mann durch die Brunnengasse ging, dachte ich auch wieder an eine unvergessliche Begebenheit auf diesem Marktgelände. Einmal wöchentlich ging ich mit meinen Freunden in ein nahegelegenes Hallenbad schwimmen und auf dem Heimweg durch diesen Markt ließen wir manchmal ein, zwei Äpfel in unseren Hosentaschen verschwinden. Es war zum Teil Spaß, zum Teil aber auch wirklich der "kleine Hunger" nach dem Schwimmen. Das ohnedies kurz bemessene Taschengeld hatten wir zumeist schon bei der Kantine des Bades in ein Kracherl (Limonade) investiert. Ein rascher Griff in den Apfelberg und dann nichts wie weg! Auch wenn uns die Standlerin bei diesem Diebstahl vielleicht ertappte, hatte sie praktisch keine Chance, uns auch zu erwischen. Wir waren viel zu schnell. Aber das wütende Schimpfen der Bestohlenen, das hinter uns herschallte, bereitete uns zusätzliches Vergnügen.

Eines Tages hatte ich mir auch wieder einen Apfel gegriffen und wollte schleunigst damit verschwinden. Die Standlerin war aber weit schneller, als ich gedacht hatte, ergriff blitzschnell meine Hand und hielt mich fest. Dann verpasste sie mir mit der anderen Hand eine schallende Ohrfeige, dass es mir nur so vor den Augen flimmerte! "Lausbub grauslicher! Hab´ ich dich erwischt!" Sie ergriff mich nun an den Haaren und zog mich noch näher zu sich heran. Ich dachte, meine letzte Stunde hat geschlagen! "Hat dir niemand beigebracht, dass man nicht stehlen darf? Leg den Apfel sofort wieder hin!" Ich schämte mich furchtbar vor den Leuten, die stehen geblieben waren und dieser Strafpredigt beiwohnten und da meine Freunde natürlich weggelaufen waren, kam ich mir im Kreise all dieser Erwachsenen furchtbar verlassen vor. Ich hatte den Apfel wieder hingelegt und wollte mich losreißen, aber die dicken Finger der Marktfrau ließen mich nicht los. "Holn´s doch an Polizisten" hetzte eine keifende Frauenstimme. "No so weit kummt´s no" antwortete die Standlerin. "Wegen so an Buamstreich glei´ die Polizei hol´n. So a Blödsinn! Sie ham bestimmt kane eigenen Kinder g´habt. Des mach i ma mit dem Lausbuam scho alani aus" verteidigte mich plötzlich die dicke Marktfrau und drückte mich fast beschützend an sich. Erst jetzt erblickte sie die nasse Badehose, die ich in der Hand hielt. "Warst schwimmen im Jörgerbad?" Ich nickte verschämt. "Schaun´s, der Bua war schwimmen, da kriagt ma halt an Hunger. Komm´, da hast dein Apfel wieder." Sie griff in den Apfelberg und gab mir einen ganz besonders großen Apfel. Ich muss in diesem Augenblick mehr als blöd d´reingeschaut haben, denn sie begann zu lachen und auch die Umstehenden lachten. "Wann´st net glei wegrennst, lass i di jetzt aus." Sie ließ tatsächlich meine Hand los. "Gehst öfters ins Jörgerbad schwimmen?" Ich überlegte kurz, ob ich die Wahrheit sagen sollte. "Ja, am Mittwoch geh ich immer." "Weißt was? Wenn´st willst, kannst dir immer am Mittwoch deinen Apfel holen. Aber dass´d ma nichts mehr "mitgehen" lasst. Des tuat ma net". Sie strich mir kurz über den Kopf und gab mir einen Klaps auf die Wange. "Und jetzt schau, dass´d nach Haus kommst. Und am Mittwoch seh´n wir uns wieder, ja?"

Von diesem Tag an holte ich mir jeden Mittwoch meinen Apfel und auch meine zwei Freunde bekamen einen. Ich selber blieb aber immer noch etwas länger bei der Frau Mitzi und schon lange kam ich nicht mehr nur wegen des Apfels. Wir waren richtige Freunde geworden. Die alte, dicke Standlerin und ich der Schulbub. Ich freute mich direkt schon immer auf den Besuch bei ihr. Ich half ihr beim Stapeln der leeren Kisten, erledigte für sie kleine Wege, ging für sie Geld wechseln, usw. Ich glaube, dies ging so zwei Monate lang, bis sie eines Tages nicht mehr auf dem gewohnten Platz stand. Am nächsten Mittwoch stand sie immer noch nicht dort und ich versuchte es auch an anderen Wochentagen, aber die Frau Mitzi war nie da. Als ich dann die Frau am Nachbarstand nach ihr fragte, sagte mir diese, dass die Frau Mitzi wahrscheinlich nicht mehr kommen würde. "Weißt, sie hat´s mit den Füßen. Wasser hat´ s, glaub´ ich." Ich habe noch öfters bis in den Spätherbst hinein nach ihr gesucht, aber sie ist wirklich nie mehr wieder gekommen.

Aber vergessen habe ich die Frau Mitzi bis heute noch nicht und als ich nun, nach mehr, als dreißig Jahren wieder durch diesen Markt ging und an dem Platz vorbei ging, wo sie immer stand, bekam ich feuchte Augen.

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