14.Mai 2006, Muttertag.
Oder aus der (Lebens-) Schule geplaudert.

Wie viele Menschen meines Alters haben das Glück, noch eine Mutter zu haben? Noch dazu eine, um die mich schon meine Jugendfreunde immer beneidet hatten. Mutter, Schwester, Vertraute und Kumpel, alles in einer Person! Ich war alles andere, als ein braver Junge und auch meine Schulzeit war bestimmt keine sehr angenehme Sache für sie! Ich war nie ein guter Schüler, aber bestimmt einer der schlimmsten und auch im kinderlos geblieben Rest der Familie war ich oft so eine Art "schwarzes Schaf". Nach außen hin hatte mich meine Mutter zwar meist verteidigt, falls ich jedoch wirklich eine Bestrafung verdient hatte, dann bekam ich sie auch! Sie hatte für Vieles Verständnis, war aber trotzdem auch streng und ich bekam des öfteren ihre Hand zu spüren! Heute wird die Erziehung der Kinder gerne auf die Kindergärtnerinnen und die Lehrer abgeschoben, damals war es meist die Aufgabe der Mütter, und die Väter waren für den Unterhalt der Familie zuständig. Falls aber beide im Beruf standen und es eine Großmutter gab, dann brachte man ihr die Kleinen zur Aufsicht. Meine Eltern hatten eine andere Lösung gefunden. Meine Mutter war Schneiderin, machte die Meisterprüfung und ein Raum der nur ca. 60 m² großen Wohnung wurde zur Werkstätte umfunktioniert. Hier arbeiteten dann immerhin 6-7 Leute und in einer Ecke befand sich auch noch mein Tisch, wo ich meine Aufgaben machte und lernte. Dies kann man sich heute, wie vieles Andere auch, nicht mehr vorstellen! Nach der gemachten Aufgabe, wenn sich´s noch ausging, durfte ich in den Park zum Fußballspielen, musste (sollte) aber pünktlich nach zwei oder drei Stunden wieder daheim sein, um noch zu lernen. Am Abend wenn mein Vater vom Amt nach Hause kam, hatte er abwechselnd mit meiner Mutter das von mir Gelernte abgefragt und war es nicht zufriedenstellend, dann wurde weiter gelernt. Dabei saß dann mein Vater mir gegenüber am Tisch und lernte/arbeitete ebenfalls. Er war leitender Beamter in der Finanz-Landesdirektion von Wien und unterrichtete zusätzlich noch Buchhaltung an der Finanzschule. Fernseher gab es damals noch keinen und daher hatte man mehr Zeit um zu arbeiten! Ich nützte damals wirklich jede "arbeitsfreie" Minute zum Lesen, und das fast überall. Im Stiegenhaus, im Gemeinschafts-Closett am Gang und nach dem Zubettgehen auch noch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Solange jedenfalls, bis man mir die Lampe weggenommen hatte. Ich las aber auch während dem Lernen, wenn meine Mutter nicht gerade im Raum war. Es gab zwar eine Arbeiterin, die ein Auge auf mich haben sollte, aber sie mochte mich und "verpfiff" mich nie! Nur wenn meine Mutter länger weg war, dann drohte sie mir damit.

Ich war jedenfalls während meiner Schulzeit bis auf diese wenigen Stunden beim Kicken im Park und der Zeit die ich verbotenerweise später von der Schule heimkam (und dafür gab´s Strafe), fast immer unter Aufsicht und dies auch am Wochenende. Obwohl mein Vater mit mir als Kind manchmal ins Wiener Praterstadion ging, betrieb er selber keinen Sport und meine Mutter versuchte, mich in dieser Richtung anders zu erziehen. War vielleicht auch ein wenig Eigennutz dabei, denn beim Schifahren, Schwimmen und Tischtennis machte sie selber mit. Bei anderen Sportarten sah sie mir zumindest zu, wenn sie Zeit hatte. Mein Vater hingegen kam kein einziges Mal und dies habe ich ihm jahrelang nie so richtig verziehen! Auch nicht, dass er mir mit dem Verweigern seiner Unterschrift den Beitritt in einen Speedway-Club vermasselt hatte. Dass er vielleicht nur Angst um mich hatte, dies kam mir auch erst Jahre später in den Sinn! Meine größte Überraschung erlebte ich jedoch, als ich eines Tages dahinter kam, dass er von mir gewonnene Medaillen mit ins Büro genommen hatte und dies zeigte mir, dass er doch auch ein wenig stolz auf mich war. Gesagt hatte er es mir jedoch nie! Ich habe ihm aber trotzdem in späteren Jahren in manchen Dingen noch oft Abbitte geleistet! Am meisten, als ich selber schon Vater war und auch noch später und manchmal noch heute. Jedenfalls all das was er mit Fleiß, Zielstrebigkeit und Ausdauer erreicht und geschaffen hat, das hätte ich nie gekonnt! Vor allem weil es mir immer an der nötigen Geduld, aber auch an Ehrgeiz gefehlt hatte. Auch dass meine Mutter später ein eigenes Geschäft eröffnen konnte, daran war er maßgeblich beteiligt und Jahre später hatte er auch mir dabei sehr geholfen! Er starb am 23. Dezember (!!) 1981 im Alter von nur 74 Jahren!!

Aber zurück zu meiner Mutter und zu dem, was sie für meine weitere Erziehung als wichtig ansah. Dazu gehörte auch der Besuch einer Tanzschule, aber zu meiner Vorstellung dessen was ein richtiger Mann können sollte, gehörte bestimmt nicht tanzen! Mich das Tanzen erlernen zu lassen, da war vielleicht auch wieder ein wenig Egoismus meiner Mutter dabei. Mein Vater hatte nämlich auch nicht viel für´s Tanzen übrig gehabt und in mir sah sie die Chance, doch noch zu einem Tanzpartner zu kommen!? Aber da blieb das Söhnchen stur, keine Tanzschule! Jedoch ihr Vorschlag, mit ihr doch einmal zum Fünfuhrtee in den Wiener Volksgarten zu gehen, diese Bitte erfüllte ich ihr! Musste mir auch nicht dumm dabei vorkommen, denn sie sah jünger aus, ich älter und hübsch war sie auch. Man hat uns sehr oft für Geschwister gehalten. In weiser Voraussicht hatte ich aber zwei meiner älteren Freunde eingeladen die sie auch kannte und da diese beiden tanzen konnten, war ich zumindest zum Teil aus dem Schneider. Die Musik der Band, das Betrachten der Paare auf der Tanzfläche und die vielen hübschen Mädchen, das gefiel mir weit besser, als selber rumhopsen zu müssen. Jedenfalls hatte meine Mutter durch diesen Fünfuhrtee erreicht, dass ich öfters - mit oder ohne ihr - mit meinen Freunden zum "Tanzen" ging. Ich konnte es zwar noch immer nicht, machte aber aus der Not eine Tugend! Mädchen die mir gefielen forderte ich trotzdem zum Tanz auf, entschuldigte mich gleich zu Beginn dafür dass ich nur ein wenig den "Wechselschritt" beherrsche,  sie aber unbedingt kennen lernen wollte. Mit dieser Masche hatte ich jahrelang Erfolg und obwohl ich bis heute noch nicht tanzen kann, hatte damals meine Mutter doch wieder ein Stückchen meiner "Vorbereitung für´s weitere Leben" geschafft. Sie war aber auch später, als ich schon flügge war, immer für mich da wenn ich Rat oder Hilfe benötigte. Vielleicht fällt jetzt so Manchem das Wort Muttersöhnchen ein? Stimmt vielleicht, es war aber bestimmt nicht das, was man normalerweise darunter versteht, ich wurde weder verwöhnt noch verzärtelt! Aber sie hatte versucht, mich im Auge zu behalten und mir das beizubringen was sie für wichtig hielt und auch das, was richtig und das was falsch ist! Den weiteren Weg musste ich mir selber suchen. Ich habe das immer "Erziehung an der langen Leine" genannt. Die für einen Jungen notwendige Freiheit und die Möglichkeit eigene Entscheidungen zu treffen, trotzdem aber mit der Rückversicherung, sich im Notfall Hilfe vom Anfang der Leine holen zu können!

Was ich auch immer an meiner Mutter bewundert hatte: Ich habe niemals gehört, dass sie über Irgendjemanden schlecht gesprochen hätte! Ganz im Gegenteil, sie findet für Alles und Jeden eine Entschuldigung und
da sind wir mitunter geteilter Meinung! Vielleicht auch, weil ich von uns beiden der bessere Menschenkenner bin? 

Jedenfalls, für all das danke ich meiner Mutter und oft frage ich mich, wie sie dies alles geschafft hatte! Hoffentlich lässt sie der liebe Gott, oder wie immer es manche nennen mögen, noch einige Jahre bei mir und erhält ihr möglichst lange ihre geistige und körperliche Kraft! Anmerkung: Im Juli wird sie 93!

Für jene die bis hierher gekommen sind und noch ein klein wenig Geduld haben, eine Ergänzung:
Ich hatte nicht nur eine leibliche Mutter, sondern auch noch so etwas ähnliches.
Sie hieß Trude Pritzi, war Tischtennisspielerin und Weltmeisterin und eine der nettesten und liebenswertesten Menschen, die ich je kennen gelernt hatte! Mitbesitzerin der damals bekanntesten Tischtennishalle in Wien und Obfrau des dort ansässigen TT-Clubs Austria Wien, später Vienna. Mit dreizehn kam ich zur Austria und da in dieser Halle so ziemlich ALLES verkehrte, von ganz oben bis ganz hinunter, hatte meine Mutter die "Frau Trude" ersucht, ein wenig auf mich aufzupassen.  Trude war dann für mich jahrelang so ein Mittelding zwischen älterer Schwester und platonischer Freundin und Beraterin! 1968 starb sie mit erst knapp 49 Jahren!

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