Storchengasse anno 1961/62, in Wien Fünfhaus.

Ich stolperte im Internet über das Wort "Drahtmagnetophon" und dies aktivierte wieder einmal mein Langzeitgedächtnis.
Die ersten eigenen vier Wände! Eigentlich waren es acht. Vier längere und vier kürzere im Haus Nr.4 im ersten Stock. Zimmer und Küche, ca.25 m². Am Gang und im Stiegenhaus sah man noch die Rohre und die Anschlüsse der früheren Gasbeleuchtung. Auf Nr.2, dem nächsten und letzten Haus in dieser Sackgasse, befand sich ein kleines Gasthaus. Früher gehörten diese Häuser zum sogenannten "Oberen Ratzenstadl". Das war der Bereich zwischen Sechshauserstrasse / Ullmannstrasse und dem Wienfluss. Die "Schnellstrasse" Linke Wienzeile gab es damals noch nicht und es war bis auf manche Besucher des Gasthauses eine ruhige Gasse. Heute ist es mit der Ruhe wahrscheinlich vorbei, denn ein paar Meter nach dem Ende der Sackgasse fahren jetzt täglich Tausende Autos. Sehr angenehm war der "Storchensteg" über die Wien und die Stadtbahngleise hinüber zur Schönbrunnerstrasse. Ersparte den Umweg über die Lobkowitzbrücke. Visavis von unserem Haus befand sich eine kleine aufgelassenen Fabrik mit Schornstein. Heute regen sich Leute über Alles und Jedes auf und würden sich wahrscheinlich über die Aussicht auf eine leere Fabrik samt Schlot nicht besonders freuen. Mir hat es aber gefallen, obwohl sich oben kein Storchennest befand. Aber im Hof dieser Fabrik stand eine große Linde, also je nach Jahreszeit Blick ins Grüne! Die Gemeinde Wien suchte jemanden für die jährliche Schneeräumung des Gehsteiges entlang dieser Fabrik und für uns (meine Frau und mich) war es ein willkommenes Zusatzeinkommen. Es gab in diesem "Grätzel" noch alte bis ganz alte, meist nur einstöckige Häuser und einige standen schon leer. Auf dem Dachboden eines dieser Häuser fand ich unter Dreck, Staub und Ziegeln unter anderem einen schwarzen Holzkoffer mit interessanten Inhalt. Der Hauptteil sah aus, wie ein Plattenspieler. Aber was war das andere? Nach langem Herumprobieren fand ich es heraus. Es war ein Magnetophongerät. Aber keines mit Bandtonträgern, es war ein ziemlich altes
Drahtmagnetophon und die Aufnahmen stammten von irgendeiner Anwaltskanzlei. Aber trotz seiner Größe besaß dieses Ding keinen Rundfunkempfängerteil und dies störte mich ein wenig. Ein paar Jahre später wäre das für mich kein Problem gewesen, aber damals stand ich erst am Beginn meiner Bastlerkarriere. Ich besaß jedoch einen kleinen Kristall-Detektor aus dem Nachlass meines Onkels und den klebte ich oben an geeigneter Stelle an. Onkel Theo war Elektrotechniker und ist leider im Krieg gefallen. Er hätte mir Vieles beibringen können! Diese Detektoren waren die Vorgänger der Radiogeräte, funktionierten aber nur mit Kopfhörern. Aber auch die besaß ich noch. Dieser elektronische Koffer war nicht nur schwer, er war auch groß und Platz war Mangelware. Also wohin damit? Die Zwischenlösung auf einem Kasten war auch  nicht das Wahre. Auch Geld war etwas knapp und ich dachte, ich könnte das Gerät dem Technischen Museum in Wien verscherbeln. Ich hatte mir ungefähr 500 Alpendollar vorgestellt. Sie konnten es zwar gut gebrauchen, aber anscheinend litt auch das Museum unter Geldnot. Aber eine Karte könne man dazustellen: "Zur Verfügung gestellt von ...." oder so ähnlich. Ich war ziemlich enttäuscht bis sauer und hab das nie überprüft. Museumsbanause!! Ja ich weiß. Ich hatte noch jahrelang eine Spule mit diesem extrem dünnen Draht aufgehoben, sie aber dann in einem Anfall von Entrümpelungswahn weggeworfen. Irgendwie schade, aber ich besitze als Erinnerung an diese oft etwas abenteuerlichen "Dachbodenbesuche" noch ein anderes etwas größeres Stück und das liebe ich sehr! Einen alten Petroleum-Luster und obwohl er für die heutigen niedrigen Räume zu groß (zu lang) ist, hat er einen Platz gefunden. Keinen idealen, aber ich hab ein Stopschild aufgestellt. ;-)

Vor ein paar Tagen, Mai 2012, war ich nach vielen Jahren wieder in diesem ehemaligen Ratzenstadl. Wahnsinn, was sich dort geändert hat! Auf dem Platz wo früher die Fabrik stand und auch noch um die Ecke auf der linken Wienzeile Richtung Schönbrunn befindet sich heute ein dunkelspiegelnder Glaspalast. Dort, wo unser Haus und das Gasthaus waren, steht ein teilweise noch im Bau befindlicher Riesenkomplex, der sich auf der Linken Wienzeile noch weit in Richtung Stadt hinzieht. Den Storchensteg gibt es zwar noch, aber er wurde wesentlich breiter und am Ende steht ein Schild mit der Bezeichnung "Bruno Bittermannplatz". Aus Blickrichtung Storchengasse entstand links die U-Bahnstation Längenfeldgasse und für Umweltbewusste gibt es visavis davon einen "Parkplatz" für Leihfahrräder. Ist wirklich sehr schön geworden, diese "Revitalisierung?", aber umso wertvoller erscheint mir heute die Erinnerung an "unsere" Storchengasse!