Wehmut

Stickig, rauchig und verschmutzt,
Gassen, finster, eng und schmal,
Fassaden fast nicht mehr verputzt,
grässlich stinkt´s aus dem Kanal.

Benzingeruch hängt in der Luft,
Menschen, müde und bedrückt,
geh´n durch diese Häuserschlucht,
vom Alter meist schon tief gebückt.

Nur selten sieht man junge Leute,
kaum hört man hier ein Kinderlachen.
Man lebt im Gestern, nicht im Heute,
wehrt sich gegen das Erwachen.

Der kleine Laden an der Ecke,
der seinen Herrn einst gut ernährt,
auch er blieb auf der Strecke,
obwohl er sich so lang bewährt.

Der alte Schuster im Parterr´,
von den Kindern oft verhöhnt,
er starb im Herbst, der alte Herr,
er hat mich schon als Kind verwöhnt.

Er war ein Krüppel und war Jude,
doch er war mein bester Freund.
Und auch seine Schusterbude,
sie bleibt gesperrt und wird geräumt.

Manche Wohnung steht schon leer,
Alte sterben, Junge ziehen aus,
nur Gastarbeiter zieh´n hierher,
werden Hauswart oft im leeren Haus.

Oder es hausen zwanzig Leute
auf  Zimmer, Küche und Kabinett.
Die Hausherrn machen reiche Beute,
denn Geld bringt jedes alte Bett.

Mit Wehmut denke ich zurück
an die hier verlebte Kinderzeit,
mit Freunden tollte voller Glück
und stets zu einem Streich bereit.


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